Blogumzug

Dieser Post fällt mir besonders schwer. Aber es muss sein.

Ab sofort wird es einen neuen Blog von mir geben, und tupfenkind wird stillgelegt. Diesen neuen Blognamen werde ich hier nicht nennen, er soll nicht mit diesem Blog in Verbindung gebracht werden können.

Natürlich könnt ihr euch bei mir melden, die hier regelmäßig mitlesen und diesen Blog abonniert haben. Schreibt mir über das Kontaktformular und ich werde euch die neue Adresse geben.

Nach einer Weile, wenn ihr (hoffentlich…) mit mir umgezogen seid, werde ich diesen Blog zwar bestehen lassen, sodass noch gelesen werden kann, aber die Kommentarfunktion deaktivieren und das Kontaktformular entfernen.

Leider geht es nicht anders. Bitte habt dafür Verständnis.
Danke und auf Wiedersehen,

euer tupfenkind

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Geblubber.

Heute ist nicht mein Tag. Absolut nicht.

Albträume. Doofe Gedanken. Selbst meine Lieblingsmenschen motze ich an, weil ich selbst unzufrieden bin. Unzufrieden mit meinem Gesundheitszustand, überfordert mit dem Ausschleichen der Psychopharmaka und genervt von diversen Menschen und Umständen.
Alte Begebenheiten ruhen lassen. Unabänderliche Dinge akzeptieren und für einen besseren Umgang damit kämpfen. Auch wenn es schwer fällt.
Und das gilt nicht nur für mich.

Es fühlt sich ein bisschen an, als würde ich knapp unter der Wasseroberfläche treiben. Die Luft zum Atmen wird langsam knapp, und wenn ich nach oben blicke, sehe ich die Sonnenstrahlen auf den Wellen über mir tanzen. Unter mir herrscht Dunkelheit, und wenn ich die Hand nach oben ausstrecke, spüre ich einen kühlen Lufthauch; nur auftauchen kann ich nicht. So sehr ich mich auch anstrenge, mit den Beinen strample für besseren Auftrieb und mit den Armen, um mit meinem Kopf endlich die Wasseroberfläche zu durchbrechen, ich komme einfach nicht vorwärts. Nicht aufwärts. Ich atme Blubberblasen aus, über die ich mich normalerweise freuen würde, aber in diesem Moment habe ich so etwas wie Angst. Ich kann nicht genau sagen, wie sich Angst anfühlt, aber mein Instinkt sagt mir, dass ich endlich frische klare Luft einatmen muss, wenn ich nicht ohnmächtig werden und ertrinken möchte.
Natürlich möchte ich nicht untergehen, sondern weiterleben, aber aus irgendeinem Grund haben sich die Wassermassen gegen mich verschworen – ich trete immer wilder um mich, strample und stemme meinen Kopf gegen die Linie aus Wasser und Luft, die mich eigentlich ohne Probleme passieren lassen sollte. Die Enden meines Blickwinkels werden langsam dunkler, die Dunkelheit greift immer weiter um sich, und nach einem letzten Blick auf die um mich herumtänzelnden Sonnenstrahlen schließe ich die Augen und gebe mich der Schwärze hin.

Doofe Dunkelheit.

Rehasport

Am Freitag war die nächste Runde Rehasport dass der seit zwei Wochen wieder stattfinden darf, bringt mir wirklich richtig viel, denn nach der OP darf ich (jetziger Stand) sechs Wochen lang keinen Sport machen, dann ist es Mitte November. Allerdings muss ich das noch genau abklären, denn ich bin unsicher, ob leichte Rückenübungen ebenfalls unter „Sport“ fallen oder ob ich wenigstens alles, was nicht weh tut, bereits früher wieder machen darf; was für meinen Rücken zweifelsfrei besser wäre… und ich habe mit der Trainerin (heißt das so? „Vorturnerin“ klingt irgendwie noch seltsamer. Sie ist jedenfalls Physiotherapeutin und leitet die Sportgruppe „Hockergymnastik für Senioren und das tupfenkind“) gesprochen, dass ich die Übungen letzte Woche nicht sehr gut vertragen habe, weil wegen aua Rücken und aua Knie und aua Bein. Eventuell haben wir die Ursache gefunden (dafür spricht, dass meine Schmerzen heute nicht so schlimm sind wie vor einer Woche), und ich lehne mich nun an die Wand, während ich auf dem Hocker sitze, weil frei sitzen aus irgendeinem Grund überhaupt nicht funktioniert (ich kann mich nicht richtig halten und habe hinterher extreme Schmerzen; warum genau das so ist, konnte mir allerdings noch keiner erklären. Medizinisches Wunder #327.) und mache auch nicht alle Übungen mit, sondern achte darauf, meinen unteren Rücken nicht unnötig zu verdrehen und stattdessen gerade und aufrecht zu bleiben.
Stichwort: Stock im Hintern.

Außerdem nicht so viel und oft die Beine anheben und insgesamt nicht verrenke. Blöd, dass ich damit so ungefähr die Hälfte der Übungen nicht richtig oder gar nicht machen kann. Trotzdem ist die Gruppe ganz nett und ich komme überhaupt in Bewegung, aber ich bezweifle, dass ich in Summe wahnsinnig davon profitieren werde. Mit etwas Glück wird es mit der Zeit besser, aber aktuell ist es vor allem frustrierend. Die ganzen alten Damen sind beweglicher als ich, und auch wenn es oftmals an der Koordination mangelt, fühle ich mich im Vergleich alt und unbeweglich. Ich würde sagen, die hauptsächlichen Zwecke dieser Sportgruppe liegen einerseits in der Aktivierung von Bewegung und andererseits im Training von Koordination. Hände und Füße unterschiedlich bewegen und dergleichen – was definitiv nicht zu meinen Defiziten zählt, wenn man davon absieht, dass ich meine Füße an sich nicht richtig bewegen kann. Aber das ist nicht mangelnde Koordination, sondern mangelnde Nervenleitung.

Mein linkes Bein fühlt sich ständig an, als würde da ein 70kg schwerer Zwerg draufsitzen und mein Bein zerquetschen – und das tut verdammt weh. Nervenschmerzen sind des Teufels. Also hier ein Aufruf an alle: Wer einen 70kg schweren Zwerg verloren hat, melde sich bitte bei mir. Abholung jederzeit, Hauptsache das Wesen lässt endlich mein Bein in Ruhe. Das tut nämlich weh, verdammt nochmal.

Ich war entzügig und Paroxetin ist das Monster unter meinem Bett.

„In der ersten Woche reduzieren Sie von 40 auf 20mg und dann in der zweiten von 20 auf 0mg.“ Dankeschön, das hat hervorragend funktioniert. In 10 Tagen über 2kg abgenommen, ganz ohne Essstörung. Allerdings war mir so übel und so schwindelig, dass ich quasi nichts mehr gegessen habe und kaum aufstehen konnte. Mit Lebensqualität hatte das nichts mehr zu tun. Nach 10 Tagen habe ich aufgegeben und bin auf 20mg Paroxetin zurückgekehrt, weil ich meinen Urlaub nicht gefährden wollte. Der war zwischenzeitlich auch, und eigentlich habe ich vor, darüber gesondert noch etwas zu schreiben. Nun schleiche ich das Paroxetin in 5mg-Schritten und 2 Wochen-Rhythmus aus, und mir ist trotzdem noch leicht flau – aber absolut nicht zu vergleichen mit dem Zustand vorher (was übrigens auch der Grund für die Pause ist, ich hatte einfach keinen Nerv, etwas anderes zu tun als flach im Bett zu liegen, stupide Serien anzusehen und zu schlafen).

Und weil bei mir immer alles so glatt läuft, war ich am Montag notfallmäßig bei meiner Frauenärztin. Nachdem sich der Brustkrebsverdacht ja Gott sei Dank in Nichts aufgelöst hat, war die Zyste leider immer noch da – und sie ist größer geworden. Fast 2cm in 6 Wochen und (keine Gewähr für diese Auskunft, ich bin halt auch nur Laie) im Ultraschall sieht man Veränderungen, auch Binnenechos genannt, die meine Frauenärztin dazu veranlasst hat, mich sofort ins Krankenhaus zur Entfernung zu überweisen. Da war ich gestern, und was soll ich sagen? Der OP-Termin steht. Am 28. September wird die Zyste entfernt, zu meinem großen Glück kann das ambulant erfolgen. Trotzdem werde ich zur Sicherheit Klamotten für ein bis zwei Tage mitnehmen; man weiß nie und außerdem kenne ich ja mein Talent für medizinische Zwischenfälle. Also safety first und so. Leider passt Lotte nicht in meinen Rucksack, deshalb muss mein liebes Beschützerschaf daheim die Stellung halten und mein Einhorn kommt mit ins Krankenhaus. Das ist schätzungsweise nur ein Fünftel so groß und eignet sich hervorragend, um im Rucksack transportiert zu werden. Denn alleine ins Krankenhaus zu gehen kommt auf gar keinen Fall in Frage, dazu ist meine Abneigung gegen derlei medizinische Institutionen viel zu groß. Und wenn alles gut geht, dann ist es ja sowieso hinfällig, denn dann bin ich am Nachmittag wieder zuhause. Ich hoffe bloß, dass die Katzen-Lady sich überreden lässt, an dem Tag abends bei mir vorbeizuschauen, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist und ich nicht ohnmächtig in der Ecke liege oder sonstiges. Narkose und so; obwohl ich ja bereits zweimal operiert worden bin und es bis jetzt zumindest damit keine Probleme gab. Hoffen wir bloß, dass das so bleibt.

Mein Gedächtnis ist ein Sieb…

(Anmerkung der Autorin: Achtung, dieser Post könnte Ironie enthalten.)

…denn ich habe mal wieder vergessen, dass ich ja nur deshalb an Krücken gehe, weil ich die Aufmerksamkeit genieße und brauche. Wäre ja wirklich blöd, wenn ich darauf angewiesen wäre, dass man mir in manchen Situationen hilft. Gestern habe ich gelernt, wie unfassbar behindertengerecht einige Läden sind. Ja, Corona ist ein Problem. Ja, es ist klar, dass man einen Mundschutz zum Einkaufen trägt. Ja, es ist meiner Meinung nach auch in Ordnung, dass man im Laden einen Korb oder einen Einkaufswagen benutzt. Es sei denn, man kann es nicht.

Ich bin gestern aus einem Laden rausgeflogen. Ich wollte mir etwas zu trinken kaufen, weil ich nichts dabei hatte, und habe den Laden betreten. Dank Krücken bin ich an den Körben vorbeigegangen, denn in der Regel ist es so, dass ich keinen nehmen muss. Zumal bei mir ja auch nicht die Gefahr besteht, dass ich alles mit meinen Fingern angrabbel, denn meine Hände brauche ich ja zum Laufen. Ich war schon ein paar Meter im Laden drin (weil es ein kleiner Laden war, stand ich damit schon mittendrin), als eine Verkäuferin zu mir kam und mich anblaffte.

„Nehmen Sie einen Korb!“
(Ich schaute sie an, schaute auf meine Krücken.)
tupfenkind: „Und wie soll das gehen?“
Verkäuferin:“Das muss gehen, Sie brauchen einen.“
(Ich atmete durch, denn ich wollte freundlich bleiben.)
t:“Das geht nicht.“
V:“Dann ein Einkaufswagen?“
t:“Nein, das geht auch nicht. Ich…“
V:“Aber Sie müssen! Ohne Korb oder Einkaufswagen dürfen Sie den Laden nicht betreten.“
t:“Okay, dann gehe ich wohl besser.“
(Dann habe ich mich umgedreht und bin gegangen.)
V:“Ja, schönen Tag noch!“

Draußen musste ich nochmal tief Luft holen, und danach musste ich lachen. Eigentlich ist es überhaupt nicht lustig, sondern eine Frechheit, aber zum Glück ging es in meinem Fall ja nur um ein Getränk, da konnte ich es mit Humor nehmen. Aber was ist mit Leuten, die dringend auf etwas angewiesen sind, was es nur in diesem einen Laden zu kaufen gibt? Die können sich dann ja nur schlecht umdrehen und einfach gehen, sondern müssen sich den Vorschriften beugen oder stehen dann ohne das benötigte Teil wieder auf der Straße.

Bei keinem anderen Laden hatte ich bisher dieses Problem, denn es ist ja offensichtlich, dass ich ein Mobilitätsproblem habe. In diesem Laden allerdings war es bereits das zweite Mal – beim ersten Mal wurde ich auch angepampt, aber letztendlich durfte ich dann doch den Laden betreten und dort einkaufen. Gestern dann nicht mehr. Blöde Sache.

Ich habe einigen meiner Freunde und Bekannten davon berichtet, und (wie üblich) haben sie sich mehr aufgeregt als ich. Ich nehme es immer noch mit Humor und finde es nach wie vor nicht dramatisch, aber darüber schreiben mochte ich trotzdem. Wenn dieser Post auch nur bewirkt, dass ein*e Verkäufer*in sensibler gegenüber Menschen mit einer Einschränkung ist, dann ist das ein Erfolg – was aber nicht heißt, dass jeder es nötig hat, denn ich bin in den letzten 10 Monate so vielen super netten und hilfsbereiten Verkäufer*innen begegnet.
Aber manche sind es eben leider nicht.

Mein Leben 2.0

Ich möchte gerade so viel tun. Aktionismus. Meine Wohnung komplett saugen und wischen, denn die Schicht aus Staub und Krümeln ist wirklich nicht mehr feierlich. Das Geschirr spülen. Den Müll aus dem Bad und aus der Küche runterbringen und in die jeweilige Mülltonne werfen. Am besten den Papiermüll und das Altglas auch noch, wenngleich ich allein dafür sicherlich 3 oder 4 Mal laufen müsste. Aber das wäre ja kein Problem. Unten am Flüsschen spazieren gehen, Musik hören und während dem Spaziergang immer wieder mal aufs Handy schauen oder einen Schluck trinken. Einfach laufen. Laufen. Vielleicht eine Stunde oder zwei. Und auf dem Rückweg gibt es ein Eis, im Hörnchen, das mampfe ich während ich den Berg hochstapfe, auf dem ich wohne.
Und wenn ich feststelle, dass ich gerade nichts daheim habe was ich würde essen wollen? Macht nix, auf zum Supermarkt. Entweder mit dem Rad oder wieder zu Fuß, Einkaufstasche nicht vergessen, und mit Leckereien zum Abendessen wiederkommen. Und zwar schon nach 20 Minuten, denn der Supermarkt ist nicht weit weg und ich laufe flott, mit Aussicht auf eine leckere selbstgekochte Mahlzeit mit viel Gemüse. Lecker.

Stattdessen gab es Fertig-Spätzle mit Pesto und Käse aus der Mikrowelle. Danach ein Eis am Stiel und wenn dieser Eintrag hier fertig ist, dann geht es wieder zurück ins Bett. Ich darf mein jetziges Leben nicht mit meinem „alten“ Leben vergleichen. Ja, ich weiß. Ich muss mir neue Ressourcen schaffen und mutigen Schrittes neue Dinge ausprobieren. Ja, ich weiß. Ich weiß, ich weiß, ich weiß. Trotzdem bin ich frustriert. Ich will raus, ich will raus. Nicht nur die Straße hinunter zur Bank/zur Bäckerei/zum Drogeriemarkt, sondern in die andere Richtung und querfeldein in die Natur. In meiner Wohnung habe ich alles getan, was ich tun konnte, der Rest ist gerade nicht machbar – davon abgesehen, dass mein Körper wieder streikt und die Schmerzspitzen von Übelkeit und Schwärze vor Augen begleitet sind. Ich schreibe hier, ich schreibe Gedichte, ich schreibe Geschichten, ich schreibe mit Freunden. Schreiben rettet mich.

Es hat lange gedauert, 9 Monate, bis ich realisiert habe, dass meine körperliche Konstitution vielleicht nicht mehr besser werden wird. Ich habe mich ohnmächtig gefühlt, ausgeliefert der Situation und den Ärzten, die schwanken zwischen Mitleid und pseudo-psychologischen Ratschlägen. Trotz starker Schmerzen gehe ich nicht ins Krankenhaus, denn ein „Krankenhaus meines Vertrauens“ gibt es nicht. Ich mag keine Ärzte, erst recht keine Orthopäden. Ich habe meinen Ausbildungsplatz verloren, und erwache gerade aus der Betäubung, die das ausgelöst hat. Kein Ziel mehr, auf das ich konkret hinarbeiten kann, die nähere und weitere Zukunft ist ungewiss. Die Tage werden mir gerade arg lang, und ich schreibe mehr als je zuvor. Ich probiere neue Dinge aus, auf die ich auch in meinem neuen Leben nicht verzichten kann und will. Mutig weiter, Schritt für Schritt.

Unabhängig davon, ob mein Körper sich wieder komplett erholt oder nicht. Denn selbst wenn er es nicht tut, wird es irgendwie weitergehen (müssen). Also tue ich gut daran, mich mit der Situation zu arrangieren. Im Urlaub werde ich schaukeln. Das habe ich mir fest vorgenommen. Zum Glück gibt es in Norddeich ausschließlich Nestschaukeln, das vereinfacht die ganze Sache. Ich gehe im Bikini schwimmen, ich stehe zu meinem Körper, den neuen Narben und insbesondere den Dehnungsstreifen. Denn die belasten mich am meisten. Aber ich weiß, dass mein aktuelles Gewicht vor allem der mangelnden Bewegung, den Medikamenten und der falschen Ernährung (iSV: Ich kann nicht frisch kochen und bin auf Fertiggerichte aus Backofen oder Mikrowelle angewiesen; frisches Obst und Gemüse ist schwierig, denn Abfälle kann ich nicht selbstständig runterbringen und muss warten, dass die Katzen-Lady oder meine Betreuerin die Mülleimer leeren) geschuldet ist. Ich versuche mir keine Vorwürfe zu machen und hoffe darauf, dass Schmerztherapie und Umzug dafür sorgen, dass zumindest die Beweglichkeit innerorts zunimmt und selbst kochen wieder möglich wird. Und anständige Körperpflege, das wäre schön. Beine rasieren kriege ich irgendwie hin, aber waschen mit dem Waschlappen am Waschbecken ist hoffentlich bald Geschichte. Ich möchte duschen, zum ersten Mal seit über 6 Monaten. Und vernünftig Haare waschen, nicht kniend vor der Wanne mit verrenktem Rücken und der Frage im Kopf, ob ich es hinterher unfallfrei wieder hoch und auf die Beine schaffe.
(Zum Glück hat mich die Krankenkasse daran erinnert, dass ich voll mobil bin und alles allein schaffe. Erneut danke dafür, von allein wäre ich da nicht drauf gekommen. *Ironie off*)

Ich mag Xavier Naidoo nicht besonders, und ich weiß auch nicht, was an den Vorwürfen bezüglich rechtes Gedankengut oder kein rechtes Gedankengut dran ist, aber in einem hat er Recht: Dieser Weg, mein Weg ins neue Leben, mein Lebensweg, wird verdammt steinig werden. Aber dieses Leben ist es wert, ihn zu gehen und sich daran zu erinnern, wie toll Sonnenstrahlen auf der Nase kitzeln.

Hallo neues Leben, mein Leben 2.0.

Ich schreibe, also bin ich.

Ohne Schreiberei bin ich irgendwie nur halb. Dabei muss es nicht zwingend dieser Blog sein, ich produziere auch beinahe täglich neue Gedicht. „Produziere“ – eigentlich eine eher unpassende Beschreibung fürs Schreiben. In meinem Fall ist es aber so, dass ich Gedichte einfach so runterschreibe, manchmal auch nebenbei und innerhalb kürzester Zeit. Ich mag meine Texte, für mich hat diese Art Schreiberei aber mit dem Begriff „dichten“ nicht viel zu tun, wenngleich das Ergebnis dasselbe ist. Texte. Gedichte. Viele Gedichte.

(Montag, 20.7.: ) Gleich geht es zum einkaufen. Die Katzen-Lady war in der letzten Woche von Dienstag bis Samstag im Urlaub und ich bin schon gespannt, was sie erzählen wird. Es ist nicht optimal, denn ich muss nahezu jede Woche auf sie warten, weil sie länger arbeitet oder Stau ist oder sonstwas, und dann ärgere ich mich. Ich sollte mich eigentlich nicht ärgern, aber ich mag es nicht, wenn Dinge nicht so funktionieren wie es geplant war. Ich weiß, dass sie vorher arbeiten war und natürlich kann es mal länger dauern oder sie braucht eine kurze Pause, weil es anstrengend war. Manchmal frage ich mich, ob ich mich wirklich darüber aufrege, wenn sie es nicht pünktlich schafft, weil ich es nicht mag, wenn es auch nur minimal anders läuft als geplant oder weil sie (im Gegensatz zu mir) glücklich verheiratet und vor allem in Vollzeit arbeitet. Stellvertretende Leitung, und das mit 25. Wenn ich mir dagegen meinen Scherbenhaufen mein Leben ansehe… naja, lassen wir das.

(Dienstag, 21.7.: ) Der Einkauf war zwar sehr anstrengend, aber erfolgreich. Schoki-Nachschub und so. Dabei ist es nicht sehr förderlich, wenn man Schmerzen hat und dann an der Kasse fast aus den Latschen kippt. Danke lieber Körper, dass ich nicht wirklich umgekippt, sondern (wenn auch arg schwankend und unsicher auf den Beinen) stehen geblieben bin. Zum Glück konnte die Katzen-Lady übernehmen und hat meine Einkäufe weggeräumt, und ich habe mich an die Fensterbank gelehnt und geatmet. Einfach nur geatmet, die Watte im Kopf weggeatmet. Hat halbwegs funktioniert, war aber dennoch anstrengend und doof.
Und nun liege ich quer auf meinem Bett und schreibe den Post von gestern weiter. Eigentlich sollte ich statt hier zu schreibseln auf dem Weg zum Fotografen sein, denn ich brauche ein Passbild für den Schwerbehindertenausweis. Grad der Behinderung 50% und damit berechtigt, einen Schwerbehindertenausweis zu haben. Trotzdem bin ich nicht zufrieden damit, denn das Merkzeichen G (für gehbehinderte Menschen) habe ich nicht bewilligt bekommen – ich werde also (wieder einmal) Widerspruch einlegen. Denn ich bin eindeutig nicht in der Lage, Wegstrecken ohne Anstrengung zurückzulegen. Wer mich einmal hat „pömpelpomben“ sehen (eine Wortneuschöpfung der lieben Katzen-Lady, weil sie sich zu Recht und nach wie vor weigert, meine Art der Fortbewegung als laufen zu bezeichnen), weiß wovon ich rede. Abgesehen davon finde ich es eine Frechheit, dass ich vor ziemlich genau einem Jahr 40% hatte, und trotz zweiter OP und schlechtem Gangbild und starken Einschränkungen sind es nun nur 10% mehr. Aber gut, damit kann ich zur Not leben. Aber ohne G finde ich doof, denn ich möchte ein Stück Eigenständigkeit zurück, und mit dem Merkzeichen G kostet eine Fahrkarte für ein ganzes Jahr nur 80€. Das ist deutlich günstiger selbst als das Sozialticket (round about 35€ im Monat), und wenn ich in Zukunft Arzttermine und dergleichen auch mal alleine wahrnehmen möchte, brauche ich halt ein Ticket. Und ich finde, dass es mir zusteht. Ich habe doch schon Einschränkungen genug im Alltag, wieso muss ich dann auch noch so sehr darum kämpfen, wenigstens an manchen Stellen einen Nachteilsausgleich zu bekommen? Und es geht ja nicht nur mir so, da gibt es auch genug andere, bei denen es genauso oder sogar noch wesentlich schlimmer ist als bei mir.
Und das ist verdammt unfair.

Eigentlich sollte der Post heißen „Dicke Frauen gehen nicht schwimmen“ – angelehnt an meine bis gestern erfolglose Suche nach einem passenden und bezahlbaren Bikini. Gestern dann, als ich schon fast aufgegeben hatte, habe ich endlich etwas gefunden. Juchu. Wieso Bikini? Weil ich Ende August für ein paar Tage ans Meer fahre. tupfenkind will Meer 2.0, denn AA kommt mit (eigentlich ging die Initiative sogar von ihm aus, alleine reisen ist für mich derzeit nicht möglich) und wir fahren dorthin, wo wir immer hinfahren, wenn wir ans Meer wollen. Letztes Jahr im Sommer war ich zum letzten Mal dort.

Es ist so viel passiert, und ich hatte so wenig Ambitionen, darüber zu schreiben. Das wohl wichtigste: Ich war im Brustzentrum. Entwarnung. Kein Krebs, mein Körper hat nur keinen Bock auf meine Krücken und stresst deshalb herum. Das zweitwichtigste: Seit 12 Tagen bin ich verletzungsfrei – umso besser, dann ist die Chance größer, dass ich im Urlaub auch tatsächlich schwimmen kann.

Unwichtige Dinge sind noch wesentlich mehr passiert; so viele, dass es sich gar nicht lohnt, mit dem Zählen zu beginnen. Zum Beispiel meinte Gus zu mir, dass er hofft, dass ich nicht über ihn schreibe bzw. genauer gesagt hat er mich gebeten es sein zu lassen. Weil ich nett bin, lasse ich das auch (Gruß an dieser Stelle, solltest du das lesen, was ich nicht glaube – diesen kleinen Seitenhieb musst du aushalten. Wenn du mich in die Finger kriegst, darfst du dich gern mit einem Piekser in die Seite revangieren. (: ) und schreibe stattdessen darüber, dass meine werte Frau Betreuerin sich gerade für 2 Wochen im Urlaub befindet.

Letzteres finde ich ganz erholsam, denn in der letzten Zeit hatten wir uns wenig zu sagen und irgendwie scheint dieses ganze Ding mit „Ich und meine Maske“ (erwischt, das ist nicht von mir. Nur gemopst.) sie ziemlich fertigzumachen. Ob es nun mit einem Mangel an Sauerstoff zu tun hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, fakt ist aber (leider), dass sie mir derzeit ziemlich auf den Keks geht, sodass ich einige Dinge an ihr vorbei selbst regele oder „vergesse“ ihr davon zu erzählen, weil ich keine Lust auf ihre Reaktion habe. Noch eine Woche habe ich meine Ruhe (offiziell), der Termin in der Folgewoche ist allerdings auch erst am Freitag, also sind es genau genommen sogar zwei Wochen bis ich sie wiedersehe.
Schade aber auch. *hust*

Von Zauberwürfeln und doofen Therapeuten.

Am Mittwoch hatte ich einen Termin bei einem Psychologen – der sollte für den Psychiater feststellen, ob es möglich wäre, dass bei mir Autismus vorliegt und um zu entscheiden, ob ich eine Überweisung zur genaueren Diagnostik bekomme oder nicht.
Der Psychologe war ein Fall für sich, letztendlich hat er mir die Überweisung aber zugesichert, mehr wollte ich von ihm ja gar nicht. Hat aber auch gesagt, dass er fragen möchte, ob die Diagnostik vielleicht doch hier vor Ort möglich ist – für Kinder ist es das nämlich. Ich bin ja mal gespannt, ob er das durchkriegt, ansonsten muss ich eben (mit meiner Betreuerin) nach Köln oder Aachen fahren, wo sich die von hier aus nächsten Zentren für Autismus im Erwachsenenalter befinden.

Ich habe während des gesamten Gesprächs immer wieder und wieder und wieder meinen Zauberwürfel gelöst. Der Psychologe hat immer wieder auf meinen Würfel geschaut, und beim ersten Lösen hat er sogar noch nachgefragt, ob er jetzt wirklich gelöst sei. Ja, war er. Überhaupt hat er ziemlich viel über Skills gesprochen, und über Selbstverletzung. Juchu, mein Lieblingsthema. Zwischenzeitlich habe ich ziemlich gemauert, und gerne Gegenfragen gestellt oder ihn auf Fehler in seiner Argumentation hingewiesen – aber ich habe ihn am Leben gelassen, Ehrenwort.
Und alle seine Finger hat er auch noch. Er hat zwischendurch tatsächlich versucht, mich aus der Reserve zu locken – aber ich habe ihn eiskalt abblitzen lassen. „Aber wenn Sie in der Öffentlichkeit einen Zauberwürfel lösen, dann ist das ja doch sehr auffällig.“ „Ja und? Das ist doch nicht mein Problem.“ „Ja… ja, also da haben Sie ja schon irgendwie Recht.“

Ich habe eine erklärte Abneigung gegen Psychologen und Psychiater, aber mit ihnen spielen tue ich ja doch hin und wieder ganz gern. Kniffelig wird es dann, wenn sie im Zweifelsfall darüber entscheiden, ob ich einkassiert werde oder nicht; ich finde zwar nicht, dass das nötig wäre, aber Fachmenschen könnten das eventuell anders sehen. Aber dieser Psychologe hat mich gefragt, ob ich mir eine stationäre Therapie vorstellen kann. „Nein.“ „Aber…“ „Nein!“ Nein, kann ich nicht. Erst recht nicht in dieser Klinik, wo selbst die Ambulanz schon total überfordert ist mit mir und wo sowieso nur Verhaltenstherapeutische Ansätze zur Anwendung kommen, die bei mir in mittlerweile vier Anläufen nicht gegriffen, sondern die Situation jedes Mal lediglich verschlimmert haben. Ich bin da also nicht mehr bereit zu Experimenten. Ich möchte bitte erst diese Diagnostik machen dürfen, bevor ich mich erneut in eine Therapie begebe, welche auch immer das dann sein mag.

Born to be a tupfenkind…

Puh. Gar nicht so einfach, wieder einen Anfang zu finden. Dabei lief es so gut. Ich habe ein Harry Potter Let’s Play für mich entdeckt, von diesem Handyspiel „Harry Potter: Hogwarts Mystery“. Ich weigere mich, das zu spielen, denn es funktioniert mit einem Energiesystem, was bedeutet, dass man entweder echtes Geld investieren (und das nicht zu knapp) oder ständig warten muss, bis sich die Energieleiste wieder aufgeladen hat und man weiterspielen kann. Darauf habe ich schlicht keine Lust – wie gut, dass es einen Potterhead gibt (na gut, er ist bestimmt nicht der einzige), der davon ein Let’s Play macht und stellvertretend für viele andere Menschen Geld ausgibt, um weiterzukommen.

Ich kann mich kaum aufs Schreiben konzentrieren; ich habe gestern Abend Bedarf nehmen müssen, weil ich extrem unruhig war. Ein neues Medikament, weil Tavor nicht funktioniert hat. Und scheinbar werde ich davon matschig. Gestern Abend hat es nicht wirklich etwas gebracht, aber heute fühlt sich mein Kopf an wie eine überreife Banane. Am Montag hatte ich ein Gespräch mit meiner Betreuerin, bei dem ich einige wichtige Erkenntnisse der letzten Zeit in Worte fassen konnte. Darüber wollte ich eigentlich jetzt schreiben, aber ich merke, dass das gerade nicht geht. Ich kann kaum den Bildschirm fokussieren, und zum Glück kann ich blind und komplett ohne Hinschauen tippen – sonst wäre hier wohl gerade nur Buchstabensalat. Also verschiebe ich das auf später.

Ein Nickerchen könnte mir jetzt gut tun. Sonst dümple ich den ganzen Tag vor mich hin, obwohl ich eigentlich gern rausgehen würde. Das Wetter ist schön, die Sonne scheint und ich fühle mich deshalb eingesperrt. Da hilft nur rausgehen, Sonne auf die Nasenspitze scheinen lassen und ein Eis essen. Aber in meinem jetzigen Zustand würde ich vermutlich vor das nächste Auto rennen, ohne es auch nur zu bemerken (wir erinnern uns: deshalb hatte ich Bedenken, mir Tavor einzuwerfen. Weil ich dieses wattige Gefühl nicht mag und mich nicht so matschig fühlen will.).